Warum Schulen weniger brauchen, um besser zu werden

Dienstag, 15:37 Uhr: eine technische Frage zum iPad.
Dienstag, 18:07 Uhr: Eltern erkundigen sich über die Leistungen ihres Kindes.
Dienstag, 23:00 Uhr: „Hallo Herr Kulisch, ich habe noch eine kurze Frage zur Klassenarbeit morgen.“        (kein Witz)

Bis vor Kurzem war ich über die Schul-App Untis nahezu rund um die Uhr erreichbar, für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für deren Eltern. Das Smartphone machte es bequem. Zu bequem. Was als Service gedacht war, wurde schleichend zur Selbstverständlichkeit. Und zur Belastung.

Zeit ist eine knappe Ressource, besonders im schulischen Alltag. Zwischen Konferenzen, Korrekturen, Elterngesprächen und Unterricht bleibt oft genau das auf der Strecke, was eigentlich Voraussetzung für gute Arbeit wäre: Luft zum Atmen. Genau an diesem Punkt setzt das Buch „Weniger macht Schule“ von Barbara Gottschling und Benedikt Wisniewski an.

Die beiden Psychologen beschäftigen sich mit einem Konzept, das in Schulen noch ungewohnt klingt: De-Implementierung. Gemeint ist nicht Faulheit oder Rückzug, sondern das bewusste Abschaffen von Routinen, Maßnahmen und Strukturen, die mehr Energie kosten als Nutzen bringen. Nicht, um weniger zu leisten, sondern um das Richtige besser tun zu können.

Was das Buch von vielen Schulratgebern unterscheidet, ist seine Nüchternheit. Gottschling und Wisniewski versprechen keine schnellen Lösungen und keine pädagogischen Wunder. Stattdessen analysieren sie, warum sich Organisationen – Schulen ebenso wie Unternehmen – immer weiter überladen, ohne dass Qualität oder Zufriedenheit steigen. Und sie zeigen, wie man gegensteuern kann: auf der Ebene einzelner Lehrkräfte ebenso wie auf der Ebene ganzer Systeme.

Ein Beispiel stammt aus der Wirtschaft: Die Hotelkette Motel One fragte sich, was Gäste wirklich brauchen, um sich wohlzufühlen. Das Ergebnis: weniger Zimmergröße, weniger Schnickschnack, dafür ein klarer Fokus auf das Wesentliche. Übertragen auf Schule heißt das: Nicht alles, was möglich oder traditionell ist, ist auch sinnvoll. Manche Dinge dürfen – ja müssen – wegfallen, damit anderes gelingen kann.

Entscheidend ist dabei ein Punkt, den das Buch immer wieder betont: De-Implementierung bedeutet nicht, Aufgaben „herauszuschmeißen“, um sich zurückzulehnen. Die gewonnene Zeit soll bewusst reinvestiert werden: in bessere Vorbereitung, in Beziehung, in Entwicklung oder schlicht in Regeneration.

Für mich begann dieser Prozess im Kleinen. Ich habe aufgehört, über die App zu antworten. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Überzeugung. Eltern und Erziehungsberechtigte erreichen mich weiterhin per Dienstmail, die ich einmal täglich bearbeite. Schülerinnen und Schüler sehe ich jeden Tag persönlich. Die ständige Erreichbarkeit jedoch habe ich beendet.

Der schwierigste Teil war nicht die Umsetzung, sondern der Mut. Was würden die anderen denken? Bin ich unkollegial, unengagiert, unbequem? Diese innere Hürde beschreibt das Buch sehr treffend: Veränderung scheitert selten an Einsicht, sondern an Angst vor sozialen Konsequenzen. Gerade deshalb ist Konsequenz wichtig. Wer neue Grenzen setzt, darf nicht beim ersten Widerstand einknicken.

Heute weiß ich: Die Sorge war unbegründet. Die Arbeit leidet nicht. Im Gegenteil. Ich bin erholter, konzentrierter und dennoch erreichbar. Und genau das ist die zentrale Botschaft von „Weniger macht Schule“: Gute Bildung braucht nicht immer mehr Aufgaben, mehr Projekte, mehr Kommunikation, sondern bessere Strukturen.

Gottschling und Wisniewski verschweigen dabei nicht die Stolpersteine. Sie zeigen, warum radikale Kahlschläge selten funktionieren und warum nachhaltige Veränderung oft kleinteilig beginnt. Niemand muss mit dem Vorschlaghammer jahrzehntelange Schulstrukturen einreißen. Aber jede Schule – und jede Lehrkraft – kann anfangen, sich ehrlich zu fragen: Was davon brauchen wir wirklich?

Manche Ideen des Buches sind provokant. Etwa die Überlegung, an stark nachgefragten Schulen den Tag der offenen Tür zu streichen, um Ressourcen gezielter einzusetzen. Solche Vorschläge sind unbequem und genau deshalb wertvoll. Denn Tabus helfen selten weiter, wenn die Belastung stetig wächst.

Vielleicht ist das neue Schuljahr ein guter Zeitpunkt für genau diese Art von Vorsatz: nicht mehr zu schaffen, sondern bewusster. Weniger zu tun, um besser zu wirken. In der Schule wie darüber hinaus.

Wisniewski, B., & Gottschling, B. (2025). Weniger macht Schule: Wie De-Implementierung schulische Freiräume schafft. W. Kohlhammer.